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>> Presse, Berichte > Pressemitteilungen > 20. Januar 2003

IDOR-EUREGIO-Journalistentreff zur EU-Osterweiterung

Europa - ein blutleeres Projekt?

Von Michael Neubauer

Zwei ausgewiesene Fachleute für Meinungsforschung aus Deutschland und aus Tschechien kommen zu einem ganz ähnlichen Ergebnis: Die Europäische Union und ihre Ost-Erweiterung sind in den beiden Nachbarländern gering angesehen, lassen die betroffenen Bürger eher kalt, weil sie als politisch-intellektuelle Kopfgeburten nur ganz bestimmte Schichten der Bevölkerung erreichen.

Marktredwitz - An sich ist diese Grunderkenntnis über die mangelnde ,,Herzlichkeit’’ des europäischen Einigungsprozesses nicht neu. Wie sie aber von Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer des bekannten Meinungsforschungsinstitutes EMNID, und seinem tschechischen Gegenstück Jan Herzmann von FACTUM in Prag, in Einzelheiten dargelegt wurde, zeigte eben die Kompetenz, die man sich am Tagungsort - dem ,,Ost-West-Kompetenz-Zentrum’’ in Marktredwitz - häufiger wünschen würde.

Gekommen waren die Umfrage-Spezialisten auf Einladung der Organisationen IDOR und Euregio Egrensis zu einem Treffen von Meinungsvervielfältigern diesseits und jenseits der Grenze mit dem hübschen Titel ,,Journalisten brauchen Kontakte’’. Den Anlass brachte der Präsident der Euregio Egrensis, der Tirschenreuther Landrat Karl Haberkorn, knapp auf ein immer wieder von ihm festgestelltes Defizit: ,,Wir wissen zu wenig voneinander’’, fragte aber auch nachdenklich, ob Deutsche und Tschechen gar nicht mehr voneinander wissen wollen. Doch dann siegte der aufklärerische Impuls: ,,Dann müssen wir das Interesse eben wecken.’’

Die Zahlen von Schöppner und Herzmann machten deutlich, wie groß diese selbstgestellte Aufgabe ist. Danach sind nur 15 Prozent der Deutschen überhaupt an ,,Europa’’-Nachrichten interessiert, in einer 20-Punkte-Abstufung wichtiger Entwicklungen rangiert die EU gerade mal auf Platz 15. Und die soziographischen Erkundungen zeigen, dass das Thema besonders von älteren gebildeten Männern wertgeschätzt wird. Weil die Deutschen zu wenig wüssten über die Europäische Union und ihre Erweiterung, hätten sie ein mulmiges Gefühl, so dass 57 Prozent glauben, das Land sei noch nicht gerüstet für diesen Prozess, interpretierte Schöppner die Zahlen und stellte nüchtern fest: ,,Stammtischparolen über Kriminalität oder Gefahren für Arbeitsplätze beherrschen die Diskussion.’’ Gerade wegen der befürchteten Konkurrenz seien die Ängste im Osten Deutschlands noch größer als in der alten Bundesrepublik. Insgesamt aber erkennen die Deutschen die soziale und die politische Notwendigkeit der Ost-Erweiterung an, fasste der Meinungsspezialist zusammen, im Prinzip zumindest, wenn auch starke Befürchtungen wegen wachsender Probleme vorhanden seien. Deutlich werde dabei aber eine ausgeprägte ,,West-Arroganz’’, in der Erweiterung gönnerhaft einen ,,Akt der Gnade’’ zu sehen.

Jan Herzmann, dessen Prager Institut FACTUM zu dem selben großen europäischen Umfrage-Konzern wie EMNID gehört, setzte die Europa-Begeisterung der Tschechen in Beziehung zu dem Verhältnis, das die Nachbarn zu ihrem scheidenden Staatspräsidenten Václav Havel haben. Dessen Parole ,,Zurück nach Europa’’ sei nach 1990 außerordentlich populär gewesen. Aber etwa die zwei Drittel der Bevölkerung, die heute gegen eine weitere Amtszeit Havels sind, machten auch die Euro-Skeptiker aus. 58 Prozent befürchten den Verlust an Eigenständigkeit und die Verletzung des Nationalstolzes, ein Gefühl, das von den Medien mit Kampagnen anlässlich von Verkäufen nationaler Symbolmarken wie ,,Pilsner Urquell’’ oder ,,Becherovka’’ an ausländische Konzerne noch verstärkt werde.

Doch nicht nur die Angst davor, dass die Tschechische Republik mit dem EU-Beitritt zu einem Mitglied zweiter Kategorie wird, bestimmt nach Herzmanns Einschätzung die Zweifel, sondern auch die historische Erfahrung. Die geballte bürokratische Macht Brüssels – über deren Mechanismen man viel zu wenig wisse – lasse viele Tschechen den Rückfall in einen Vasallenstaaten-Status fürchten, wie er früher im Warschauer Pakt und im Comecon bestanden hat.

Da bei den tschechischen Medien ,,weiche’’ Umfragen über Stimmungen in der Bevölkerung kaum in Auftrag gegeben würden, wisse man über die nachgefragten ,,harten’’ Zahlen eher Bescheid. Besonders beliebt, berichtete Herzmann, sei die Frage nach dem Ausgang des Volksentscheids, der zum EU-Beitritt noch stattfinden soll. Wenn es nicht noch zu einer starken Anti-Beitritts-Kampagne komme, dürfe man – bei möglichst schwacher Wahlbeteiligung um 50 Prozent, die den aktiveren EU-Befürwortern größeres Gewicht gibt – mit einer deutlichen Zustimmung rechnen: ,,Wie gesagt, wenn . . .’’

Die deutschen und die tschechischen Ängste sind dabei offenbar oft spiegelbildlich umgekehrt: Während die Deutschen hauptsächlich die Konkurrenz billiger tschechischer Arbeitskräfte und Handwerksangebote fürchten, rechnen die Tschechen mit einem noch stärkeren Ansturm hochqualifizierter ausländischer Spezialisten, wie er an den Einwohnerzahlen von Prag heute schon deutlich wird: Dort leben derzeit beispielsweise rund 30 000 Amerikaner und 20 000 Deutsche. Eng im Zusammenhang damit gesehen werden die rapide steigenden Preise für Lebensmittel und Mieten. Und im ,,europäischen Sog’’ fürchtet man laut Herzmann auch radikale Veränderungen im preiswerten staatlichen Gesundheitssystem. Gewinner der Entwicklung seien die Studenten, immer weiter abgehängt würden die schlecht ausgebildeten Opfer struktureller Arbeitsmarkt-Veränderungen.

Schöppner und Herzmann machten immer wieder darauf aufmerksam, wie sehr dumpfe Ängste aus der Uninformiertheit wachsen, egal ob in Tschechien oder in Deutschland. Und sie verwiesen auf die großen Aufgaben, die Organisationen wie IDOR und die Euregio hier noch haben. Vor allem aber forderten sie ihre Zuhörer, Chefredakteure und Redakteure verschiedener Medien aus dem Grenzbereich von Dresden bis Weiden, auf, den Erweiterungsprozess durchsichtiger und den Osten so spannend zu machen, wie er tatsächlich ist.

Das oft mangelnde journalistische Interesse bedauerte in der Diskussion auch Frankenpost-Chefredakteur Malte Buschbeck, als er auf die im vergangenen Jahr zu diesem Thema geplanten ,,Fränkischen Pressetage’’ hinwies, die wegen zu geringer Beteiligung ausfallen mussten. Auf die Nachfrage von Martin Jezek, dem jungen Chefredakteur der deutschsprachigen Prager ,,Landeszeitung’’, welche Anregungen die Meinungsexperten für die regionale journalistische Arbeit an der Nahtstelle der Osterweiterung haben, mussten Schöppner und Herzmann ziemlich allgemein antworten: Konkrete Ereignisse sollten in den Mittelpunkt gestellt werden, nicht die theoretische Erörterung von Spezialinteressen, EU-Beschlüsse müssten in ihren Auswirkungen auf die Region dargestellt werden.

Abgesehen von den Problemen der Umsetzung im Redaktionsalltag konnte Werner vom Busch, Chefredakteur des Rings nordbayerischer Tageszeitungen in Bayreuth, darin auch wenig Hilfreiches erkennen, wenn es, wie in Oberfranken um eine gewachsene Skepsis gehe, die immer wieder genährt werde durch aktuelle Niederlagen: Das in Bindlach geplante Motorenwerk von Audi sei dann eben in Ungarn entstanden; die hervorragende Bewertung von Hof habe nicht verhindert, dass BMW in Leipzig baut.

Die ausführliche Diskussion belegte, dass die Absicht der Moderatoren Gerald Prell und Harald Ehm – Geschäftsführer der veranstaltenden Organisationen IDOR und Euregio Egrensis –, grenzüberschreitende Kontakte unter Journalisten zu schaffen, durchaus auf Interesse stößt und auf der konkreten, von den Fachleuten bestätigten Notwendigkeit des besseren nachbarlichen Kennenlernens gründet. Ebenso deutlich wurde aber auch, dass es bis zu der erhofften ,,grenzüberschreitenden Öffentlichkeit’’ noch ein weiter Weg ist.

 
© 2006 Lars Vollmar